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Die vergessene „Kunst des Hockens“: Können wir Rückenschäden dadurch entgegenwirken?

Forschung

Die vergessene „Kunst des Hockens“: Können wir Rückenschäden dadurch entgegenwirken?

Inzwischen sind sich die meisten von uns darüber im Klaren, wie schädlich es für unseren Körper sein kann, über einen längeren Zeitraum zu sitzen. Einige Forscher gehen sogar so weit, zu sagen, dass das Sitzen das „neue Rauchen“ ist, wobei die erheblichen potenziellen Schäden gemeint sind, die es unserem Körper zufügen kann.

Die Erfindung des Stuhls hat die Funktionsweise unseres Körpers und der von uns regelmäßig verwendeten Körperteile grundlegend verändert. Der Stuhl nahm uns sämtlichen Druck vom Hinterkörper und Rücken und brachte eine gewisse Entlastung von unserem eigenen Gewicht. Natürlich hatten die Menschen weiterhin jederzeit die Möglichkeit, auf dem Boden oder vielleicht auf einem Baum zu sitzen, aber der Stuhl wurde zu einem so grundlegenden Möbelstück in unserem Leben, dass er die Funktionsweise unseres Körpers grundlegend veränderte.

Inzwischen sind sich die meisten von uns darüber im Klaren, wie schädlich es für unseren Körper sein kann, über einen längeren Zeitraum zu sitzen. Einige Forscher gehen sogar so weit, zu sagen, dass das Sitzen das „neue Rauchen“ ist, wobei die erheblichen potenziellen Schäden gemeint sind, die es unserem Körper zufügen kann. Für so viele von uns ist dies eine wichtige Information, die man beachten sollte. Das Sitzen richtet verheerenden Schaden an unserem Körper an. Glücklicherweise sehen wir mit zunehmendem Bewusstsein für dieses wichtige Gesundheitsproblem viele neue Designs wie etwa Stehpulte, sowas wie ganz einfach Basisstühle, die darauf abzielen, die Muskeln in unserem Körper zu nutzen und die Probleme, die zu viel Sitzen verursachen kann, effektiv zu lindern. Aber gibt es möglicherweise eine viel einfachere Option, welche die Menschen vergessen haben?

Eine aufrechte Sitzposition zu erhalten schaffen die wenigsten.

Wie die vergessene „Kunst des Hockens“ Dir helfen kann

Das Hocken ist im Wesentlichen eine Position des Körpers, die der Mensch bereits seit Tausenden von Jahren einnimmt und die in vielen Kulturen noch heute praktiziert wird. Wenn Du Yoga praktizierst, kennst Du diese Position vielleicht als Malasana, die im Prinzip eine tiefe Hocke darstellt. Ein Yogalehrer gab einst wieder, was ein Guru zu ihnen gesagt hatte, dass nämlich „das Problem der Menschen im Westen ist, dass sie nicht in die Hocke gehen.“ Das ist so wahr: Wenn Du nicht Yoga praktizierst oder während des Trainings in die Hocke gehst, wann wirst Du es dann wirklich tun? Wenn wir uns ausruhen möchten, wählen wir doch alle auf jeden Fall den Stuhl oder die große, bequeme Couch, bevor wir uns etwa hocken würden. Wir essen auf Stühlen, sitzen in unseren Autos und im Zug, sitzen auf der Toilette – im Grunde genommen sitzen wir oft nur dann nicht, wenn wir von einem Stuhl zum nächsten gehen. Tatsächlich könnten viele von uns sich wahrscheinlich nicht einmal einfach auf den Boden hocken, wenn wir es versuchten, zumindest nicht ohne vorheriges Dehnen.

Unser Mangel an Kniebeugen und Hocken hat biomechanische und physiologische Auswirkungen, aber vielleicht enthält es uns auch die Erdungskraft vor, welche diese Haltung vermittelt. Nicht zu  hocken ist eigentlich nur ein Problem in den westlich geprägten Zivilisationen, da es viele Kulturen auf der ganzen Welt gibt, die bei jeder Gelegenheit in die Hocke gehen, sei es um zu essen, zu beten, auf die Toilette zu gehen – ja, Toiletten zum Hocken sind die Norm in Asien – , und es macht wahrscheinlich tatsächlich viel mehr Sinn. In unentwickelten Ländern ist die Hockstellung auch die häufigste Art der Entbindung für Frauen, und auch hier ist es viel sinnvoller, wenn man wirklich darüber nachdenkt, als auf dem Rücken in einem Krankenhausbett zu liegen.

 

In diesen „weniger fortgeschrittenen“ Kulturen hocken indes die Reichen und die Mittelschicht ebenfall nicht, da dies im Allgemeinen als etwas angesehen wird, das die Armen tun, da es unangenehm ist und den Körper tatsächlich zur Arbeit veranlasst. Man sagt, dass man Gefahr läuft, Fertigkeiten, die man nicht ständig trainiert, zu verlieren. Nun, dies kann jedenfalls auf das Hocken angewendet werden, denn wenn Du es jetzt versuchen würden, könnte es Dir wahrscheinlich recht schwer fallen, besonders über einen längeren Zeitraum. Aber unsere Körper sind erstaunliche Organismen, und sie können sich stets verwandeln.

Laut dem Autor und Osteopathen Philip Beach, „begann alles mit der Hocke“. Beach ist dafür bekannt, Pionierarbeit für die Idee von „ursprünglichen Körperhaltungen“ zu leisten. Diese Positionen – zu denen neben einer tiefen passiven Hocke mit flach auf dem Boden liegenden Füßen auch das Sitzen mit gekreuzten Beinen und das Knien auf den Knien und Fersen gehören – sind nicht nur gut für uns, sondern laut Beach „tief in der Art und Weise verwurzelt, wie unsere Körper gebaut sind.“

„Du verstehst den menschlichen Körper erst dann wirklich, wenn Du erkennst, wie wichtig diese Körperhaltungen sind“, erläuterte der in Wellington, Neuseeland, ansässige Beach. „Hier in Neuseeland ist es kalt und nass und schlammig. Ohne moderne Hosen würde ich meinen Rücken nicht in den kalten, feuchten Schlamm stecken wollen, also würde ich [ohne Stuhl] viel Zeit in der Hocke verbringen. Das Gleiche gilt für die Toilette. Die ganze Art, wie Deine Physiologie aufgebaut ist, dreht sich um diese Haltungen.“

Warum ist Hocken so gut für uns?

Dr. Bahram Jam, Gründer des Advanced Physical Therapy Education Institute [Lehrinstitut für Fortgeschrittene Physiotherapie] in Ontario, Kanada, erklärt: „In jedem Gelenk unseres Körpers befindet sich Gelenkflüssigkeit. Dies ist das Öl in unserem Körper, das den Knorpel mit Nährstoffen versorgt“, so sagt Jam. „Zwei Dinge sind erforderlich, um diese Flüssigkeit zu produzieren: Bewegung und Kompression. Wenn ein Gelenk also nicht die volle Spannweite erreicht – wenn Hüfte und Knie nie über 90 Grad hinausgehen –, sagt der Körper ‚Ich werde nicht gebraucht‘ und beginnt zu degenerieren und stoppt die Produktion von Synovialflüssigkeit.“

Eine Studie des European Journal of Preventive Cardiology [Zeitschrift für Präventive Kardiologie] aus dem Jahr 2014 ergab, dass diejenigen Teilnehmer, die Schwierigkeiten dabei hatten, ohne Unterstützung von Händen, Ellenbogen oder Beinen vom Boden aufzustehen, eine um drei Jahre und mithin deutlich kürzere Lebenserwartung hatten als diejenigen, die mit Leichtigkeit aufstehen konnten.

 

Warum haben wir aufgehört, zu hocken?

Es scheint, als hätten wir im Westen zu der Zeit aufgehört zu hocken, als die moderne Sitztoilette entstand. Es mag nicht so scheinen, als ob dies allein eine Ursache für eine so drastische Veränderung unserer Physiologie wäre, aber wie Jam sagt: „Der Grund warum das Hocken so unangenehm ist, liegt darin, dass wir es nicht [regelmäßig] tun“, sagt Jam. „Wenn man jedoch ein- oder zweimal am Tag zur Toilette geht, um Stuhlgang zu haben, und fünfmal am Tag, um die Blase zu entleeren, bedeutet das sechs- oder siebenmal am Tag, dass man in die Hocke gegangen ist.“

Während wir auf unseren Bürostühlen sitzen, in unserer Bürokleidung auf unsere Computer starren, in engen Herrenhosen und -hemden sowie engsitzenden Röcken und Kleidern für die Damen – kann man sich da überhaupt vorstellen, eine Hocke zu versuchen oder mit gekreuzten Beinen zu sitzen? Beides wäre für unsere Gesundheit viel besser, als auf Stühlen zu sitzen. Es ist interessant, wie wir zu denken scheinen, dass wir ja so weit entwickelt sind, und dass wir viel zivilisierter und überlegen sind, aber in Wirklichkeit tun wir uns mit dieser arroganten Haltung keinen Gefallen.

„Es gilt als primitiv und zeugt von niedrigem sozialen Status, irgendwo zu hocken“, sagt Jam. „Wenn wir an Hocken denken, stellen wir uns einen Bauern in Indien vor oder einen afrikanischen Dorfstammesangehörigen oder einen unhygienischen Stadtboden. Wir glauben, dass wir uns darüber hinaus weiterentwickelt haben – aber in Wirklichkeit wir haben uns davon angewandt.“

 

Zeit zu hocken?

Wenn Du die Gelegenheit hast, solltest Du ein paar Mal am Tag in die Hocke gehen. Wenn das Schwierigkeiten bereitet, fang damit an, Deinen Körper zu dehnen und so tief wie möglich nach unten zu gehen. Wenn Dein Körper sehr steif ist, kann es einige Zeit dauern, aber ein wenig leichte Dehnung oder Yoga täglich zu machen, kann Dir bei diesem Prozess helfen. Es ist sehr gut für unsere Gesundheit! Inbesondere wenn Du den ganzen Tag auf einem Stuhl an Deinem Arbeitsplatz sitzt, solltest Du vielleicht einen Alarm auf Deinem Telefon einstellen, um Dich daran zu erinnern, mindestens ein paar Mal am Tag aufzustehen und Dich zu hocken.

Verweise:

 

Wichtig: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von medizin-heute.net können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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