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Wissenschaft in der Krise: Vom Zucker-Schwindel bis hin zum Cholesterin – unser Vertrauen in die Experten schwindet

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Wissenschaft in der Krise: Vom Zucker-Schwindel bis hin zum Cholesterin – unser Vertrauen in die Experten schwindet

Was steckt hinter der weltweiten Krise in der Wissenschaft?

Weltweit stehen wir vor einer allgemeinen Krise in Wissenschaft und Expertenwissen. Dies hat einige Beobachter veranlasst, von einer sogenannten „postfaktischen“ Demokratie zu sprechen. Damit meinen sie eine Demokratie, in der Unwissenheit und irrationales Denken Vorrang vor Fakten und ruhiger Reflexion haben – mit Brexit und dem Aufstieg von Donald Trump als Ergebnis. Fakten stehen nicht mehr im Mittelgrund, und die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den emotionalen Effekt der Aussage, vor allem auf die eigene Interessengruppe, zurück.

Heutzutage produziert der „Betrieb der Wissenschaften“ etwa 2 Millionen Artikel pro Jahr, die in rund 30.000 verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Mache sagen unverblümt, dass vielleicht die Hälfte oder  gare mehr dieser gesamten Produktion „den Test der Zeit nicht bestehen wird“.

In der Zwischenzeit wird die Wissenschaft als maßgebliche Wissensquelle sowohl für die Politik als auch für den Alltag in Frage gestellt, wobei erhebliche Fehldiagnosen in so unterschiedlichen Bereichen wie Forensik, präklinische und klinische Medizin, Chemie, Psychologie und Wirtschaft festgestellt wurden.

Fragen der Ernährung scheinen dabei im Rampenlicht zu stehen. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis Cholesterin freigesprochen und Zucker wieder als die ernsthaftere Gesundheitsgefährdung ausgewiesen wurde, da die Zuckerindustrie in den 1960er und 1970er Jahren ein Forschungsprogramm gefördert hatte, das die Gefahren durch Zucker erfolgreich in Frage stellte – und gleichzeitig Fett als Schuldigen in der Ernährung darstellte.

Wissenschaft in der Krise

Versteckter Täter: Zucker

Destruktiver Trend

Wir stellen uns Wissenschaft so vor, dass sie Wahrheiten über das Universum hervorbringt. Triumphe der Wissenschaft, wie die kürzlich erfolgte Bestätigung der Existenz von Gravitationswellen und die Landung einer Sonde auf einem Kometen, der um die Sonne fliegt, machen es dringlicher, die gegenwärtige Vertrauenskrise in anderen Bereichen des wissenschaftlichen Bestrebens umzukehren.

Die Wissenschaft ist mit unseren Vorstellungen von Demokratie verknüpft – nicht im dem Sinne, dass die Wissenschaft an sich etwa ein Attribut offener demokratischer Gesellschaften ist, sondern weil sie den bestehenden Machtverhältnissen Legitimität verleiht: Wer regiert, muss wissen, was zu tun ist, und in der modernen Gesellschaft wird dieses Wissen eben von der Wissenschaft bereitgestellt. Die Beziehung zwischen Wissenschaft, Wissen und Macht ist eine der Meistererzählungen der Moderne, deren Ende der Philosoph Jean-François Lyotard bereits vor vier Jahrzehnten angekündigt hatte. Der gegenwärtige Verlust an Vertrauen in Fachwissen scheint seine Ansichten zu stützen.

Dennoch steht die Technowissenschaft im Zentrum der zeitgenössischen Erzählungen: Die Überzeugung, dass wir unseren Weg aus der Wirtschaftskrise innovieren, unsere planetarischen Grenzen überwinden, eine dematerialisierte Wirtschaft erreichen, das Gefüge der Natur verbessern und universelles Wohlbefinden ermöglichen werden.

Der Wert beruhigender Aussagen über unsere Zukunft hängt von unserem Vertrauen in die Wissenschaft ab, und der befürchtete Zusammenbruch dieses Vertrauens wird weitreichende Konsequenzen haben.

Der Wissenschaftskult wird immer noch von vielen befolgt. Die meisten von uns möchten an eine neutrale Wissenschaft glauben, die von materiellen Interessen und politischen Verhandlungen losgelöst und in der Lage ist, die Wunder der Natur zu entdecken. Aus diesem Grunde hat sich bisher keine politische Partei für eine Kürzung der Wissenschaftsfinanzierung aufgrund der Krise in der Wissenschaft ausgesprochen, aber das könnte sich bald ändern.

Wissenschaft in der Krise

Die Sonde Philae auf einem Kometen zu landen war keine leichte Aufgabe
(Bildnachweis; DLR Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt)

Die Krise, die wir kommen sahen

Die Krise in der Wissenschaft ist keine Überraschung – einige Gelehrte der Geschichte und Wissenschaftsphilosophie hatten sie bereits vor vier Jahrzehnten vorhergesagt.

Derek de Solla Price, der Vater der Szientometrie – wörtlich das wissenschaftliche Studium der Wissenschaft, die Bewertung von Forschung – hatte die Qualitätskrise befürchtet. In seinem 1963 erschienenen Buch ‚Little Science, Big Science‘ stellte er fest, dass das exponentielle Wachstum der Wissenschaft zu einer Sättigung und möglicherweise zu Senilität führen könnte (die Unfähigkeit, sich weiterzuentwickeln). In der Vorstellung des zeitgenössischen Philosophen Elijah Millgram äußert diese Erscheinung sich in Disziplinen, die sich gegenseitig fremd werden, getrennt durch verschiedene Sprachen und Normen.

Jerome R. Ravetz stellte 1971 fest, dass Wissenschaft eine soziale Aktivität ist und dass Veränderungen im sozialen Gefüge der Wissenschaft – einst bestehend aus Clubs, deren Mitglieder durch gemeinsame Interessen verbunden waren, doch mittlerweile zu einem System unpersönlicher Größen geworden – ernste Probleme für ihr Qualitätssicherungssystem und wichtige Auswirkungen auf ihre sozialen Funktionen mit sich bringen. Ravetz, dessen Analyse der Widersprüche der Wissenschaft bis heute Bestand hat, stellte fest, dass weder eine technische Lösung noch ein System von verbindlichen Regeln dies beheben würde. Wissenschaftliche Qualität ist zu heikel, um mit einer Reihe von Rezepten gelöst zu werden.

Ein perfektes Beispiel für seine These ist die jüngste Debatte über den P-Wert, der häufig in Experimenten zur Beurteilung der Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse verwendet wird. Der unangemessene Einsatz dieser Technik wurde heftig kritisiert, was unter Statistikern auf höchster Ebene zu Bedenken und besorgten Erklärungen führte. Es wurde jedoch keine klare Einigung über die Art des Problems erzielt, wie aus der großen Anzahl kritischer Kommentare in der anschließenden Debatte hervorgeht.

Philip Mirowskis jüngstes Buch bietet eine neue Interpretation der Krise im Hinblick auf die Kommerzialisierung der wissenschaftlichen Produktion. Die wissenschaftliche Forschung verschlechtert sich, wenn sie Auftragsforschungsorganisationen anvertraut wird, die an einer kurzen Leine arbeiten, die von kommerziellen Interessen getragen wird.

Die gegenwärtige Entwicklung wird in vielen Bereichen der Wissenschaft zu einer Sackgasse führen, in der es unmöglich werden könnte, die guten von den schlechten Berichten zu trennen.

Wissenschaftsbasierte Aussagen und die sozialen Funktionen der Wissenschaft verlieren dann ihre Bedeutung. Ohne die vorherrschende Vision und Ideologie zu ändern, wird eine Lösung nicht möglich sein, aber können wissenschaftliche Institutionen eine anbieten?

Die Überlegenheit des Fachwissens

Hier steht viel auf dem Spiel und es gibt seltsame Anreizsysteme. Viele Wissenschaftler verteidigen ihre Arbeit sehr stark. Sie halten sich an das Defizitmodell, wonach, solange die Menschen die Wissenschaft verstehen – oder zumindest verstehen, wer die wahren Experten sind – Fortschritt erzielt wird.

Wissenschaftler schließen sich häufig dem Mythos einer Wissenschaft an und fördern Aktionen für oder gegen eine Politik aus ihrer Position als Wissenschaftler heraus. In einem aktuellen Fall haben sich mehr als 100 Nobelpreisträger im Streit um einen gentechnisch veränderten Reis auf eine Seite gestellt, ein recht komplexer Fall, bei dem mehr Umsicht ratsam gewesen wäre.

Der Klimawandel ist ein weiteres Schlachtfeld, auf dem der lapidare Hinweis „die Wissenschaft hat sich dazu geäußert“ oder „Zweifel sind ausgeräumt“ zu einem häufigen Refrain geworden ist.

Viele Wissenschaftler verteidigen die Vormachtstellung des Fachwissens. Wenn Laien mit der Meinung von Experten nicht einverstanden sind, dann irren sich halt die ersteren. Das liegt daran, dass Wissenschaftler vermeintlich besser sind als Banker und Politiker oder einfach bessere Menschen, die Schutz vor politischer Einmischung brauchen.

Es besteht eine offensichtliche Spannung zwischen dieser Ansicht und dem, was auf dem Gebiet der faktenorientierten Politik stattfindet. Hier treten dann Aktivisten und Wissenschaftler gegen ihre Mitstreiter in der gegnerischen Fraktion auf heiß umkämpften Feldern an, vom Klima bis zur Biotechnologie. Wahrscheinlich nicht unbedingt die hilfreichste Einstellung.

Die Wirtschaftswissenschaft ist jedoch immer noch Meister der Erzählung

Die gleiche Kunst, die es nicht geschafft hat, die jüngste große Rezession vorherzusagen – und schlimmer noch, die sie dank ihrer finanziellen Rücksichtslosigkeit direkt inszeniert hat – propagiert tatsächlich immer noch marktorientierte Ansätze zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen. Die Disziplin, welche die Austeritätspolitik mit einem auf einem Kodierungsfehler basierenden Gedankengang untermauerte, hat nach eigenen Angaben nur wenig Ahnung, was zu tun ist, wenn die Weltwirtschaft erneut einen Abschwung erleidet.

Der Wirtschaftshistoriker Erik Reinert stellt fest, dass die Wirtschaft die einzige Disziplin ist, die für Systemwechsel unzugänglich ist. Für die Wirtschaftwissenschaft, so sagt er, ist die Erde quasi rund und flach zugleich und ändert den Modus jeweils in zyklischen Verläufen.

Man kann in der gegenwärtigen Finanzkritik – als etwas, das aus seiner ursprünglichen Funktion herausgewachsen ist und zu einer eigennützigen Einheit geworden ist – dieselben Bestandteile der Gesellschaftskritik der Wissenschaft sehen.

So erinnert uns das Ethos der „kleinen Wissenschaft“ an den lokalen Bankier der alten Zeiten. Wissenschaftler auf einem bestimmten Gebiet kannten sich, genau wie die örtlichen Bankiers mit ihren wichtigsten Kunden zu Mittag aßen und Golf spielten. Das Ethos der Techno- oder Megawissenschaft nun ähnelt dem der modernen Lehman-Banker, bei denen sich die Hauptakteure nur durch Leistungsmetriken kennen.

Der Wandel vollzieht sich immer schneller. Die Zahl der Initiativen gegen die Problemtendenzen in der Wissenschaft nimmt täglich aus den Kreisen der Wissenschaft selbst heraus zu.

Zunehmend warnen Philosophen, dass in unserer zunehmend wechselseitigen Beziehung zur Technologie nicht alles in Ordnung ist. Die Auswirkungen von Innovationen auf Arbeitsplätze, auf die Ungleichheit, auf unser Wissen und Verständnis der Realität, werden immer problematischer. Alles bewegt sich in einem Tempo, das unsere Hoffnung auf Kontrolle zunichte macht.

 

Was können wir tun?

Wenn diese Welle der Besorgnis mit der Wissenschaftskrise verschmilzt, könnten wichtige Aspekte unserer Moderne zur Diskussion stehen. Wird dies zu einem neuen Humanismus führen, wie von einigen Philosophen erhofft, oder zu einem neuen dunklen Zeitalter, wie von anderen befürchtet?

Bei den bisher beschriebenen Konflikten handelt es sich um Konfliktwerte, wie sie in der sogenannten „postnormalen Wissenschaft“ behandelt werden. Viele mögen den Namen dieses Ansatzes wegen seiner postmodernen Assoziationen nicht, schätzen aber sein Modell der erweiterten Gemeinschaften Gleichgesinnter. Diese Gemeinschaften bringen Experten aus verschiedenen Disziplinen zusammen – da verschiedene Disziplinen durch verschiedene Linsen sehen – und alle, die mit dem Thema befasst sind, mit möglicherweise durchaus unterschiedlichen Ansichten darüber, was das Problem ist.

Heute werden erweiterte Gemeinschaften Gleichgesinnter von einigen aktivistischen Bürgern und Wissenschaftlern eingerichtet. Dieses Format begünstigt eine bescheidenere und besonnenere Haltung. Den Bürgern wird eine kritischere Haltung mit mehr eigener Teilnahme in Bezug auf Wissenschaft und Technologie nahegelegt, mit weniger Ehrfurcht vor  Experten.

Neue Medien bieten diesen Gemeinschaften fruchtbaren Boden. „Könnte das Internet für die Wissenschaft das sein, was die Druckmaschine einst für die Kirche war?“ fragt der Wissenschafts- und Technologiephilosoph Silvio Funtowicz.

Wenn dieser Prozess zu Reformen in der Wissenschaft führt und das Monopol von Wissen und Autorität in Frage stellt – wie wir es in gewissem Maße auf dem Gebiete der Gesundheit sehen –, dann könnten wir einen Schritt weiter sein, um das Vertrauen in eine der wichtigsten Facetten des modernen Lebens wiederherzustellen.

 

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Verweise:

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